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 Sonntag, 5. September 2010 @ 23:04

Schleyers Villa in Prag

   

Historisches

Der 1977 von der RAF ermordete Arbeitgeberpräsident hatte schon in den vierziger Jahren viel mit Terrorismus zu tun.

Von Otto Köhler, übernommen aus der Jungen Welt Waltrude, die inzwischen verstorbene Witwe des ermordeten Arbeitgeberführers Hanns Martin Schleyer (1915–1977) erinnerte sich im November 2003 nur dunkel, was da geschehen sein mochte: »Das wurde uns dann angeboten. Ich weiß auch nicht mehr, wie das richtig vor sich gegangen ist. Wir haben dann plötzlich drinnen gewohnt.« Sie meinte die komfortable Villa an der Bubentscher Straße 55 im vornehmen Prager Diplomatenviertel, in die Familie Schleyer – Sohn Hanns-Eberhard wurde dort geboren – am 1. Oktober 1944 einzog. Sie mußte sich auch keine Gedanken machen, warum sie plötzlich da drinnen wohnte – die rechtmäßigen Besitzer Emil Waigner und Marie Waignerová waren schon von den SS-Kameraden ihres Gatten gemäß geltendem Unrecht entfernt worden. Peter Später hat in Prager Archiven recherchiert und berichtet in seinem soeben erschienenen Buch »Villa Waigner – Hanns Martin Schleyer und die deutsche Vernichtungselite in Prag 1939–1945«, wie das alles geschah.

In die im August 1940 geräumte Villa zog als erster ein fanatischer SA-Professor mit seiner Familie ein: Zivilrechtler Friedrich Klausing, der schon die Frankfurter Universität von Juden gesäubert hatte, war an die Deutsche Universität Prag berufen und bald zum Rektor ernannt worden. Er brauchte eine standesgemäße Wohnung, die sollte jüdisch sein, und da war ihm schon so manches von den Parteigenossen weggeschnappt worden – Klausing in einer Beschwerde an das Reichsministerium für Wissenschaft und Volksbildung: »Die Zahl der aus jüdischem Besitz stammenden Häuser wird immer geringer.« Zu viele Deutsche aus dem Reich hatten Prag überschwemmt und eine Bleibe fürs Leben gesucht. Wegen seiner engen Zusammenarbeit mit Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamts und Herrscher über das Protektorat Böhmen und Mähren, wie nunmehr dieser Teil der Tschechoslowakei genannt wird, bekommt Klausing die Villa Waigner. Dann – so ein Pech – war Sohn Friedrich-Karl als Adjutant Stauffenbergs am 20. Juli beteiligt. Entsetzt über soviel Haß gegen den geliebten Führer im eigenen Fleisch und Blut, meldete sich SA-Professor Klausing an die Front, damit er dort den Tod durch die Kugel des Feindes finde. Doch Franz May, oberster Führer der Protektorats-SA, warf sich entschlossen dazwischen: Augenblicklich solle sich der Professor als Sühne für seinen Sohn selbst erschießen. Andernfalls schreite man zur »Auslöschung« der ganzen Familie. Such den Tod! »Er begab sich in seine Dienstvilla« – so heißt es in einem anderen, letztes Jahr erschienenen Buch – und schrieb mit dem Absender Bubentscher Straße 55 einen Abschiedsbrief an die Familie, der also endete »Es lebe Deutschland – es lebe der deutsche Geist, es lebe der deutsche Soldat! Es lebe die SA! – Es lebe der Führer!«. Und gab sich den Tod mit seiner Dienstpistole aus dem Ersten Weltkrieg. Auch Sohn Friedrich-Karl wollte nichts mehr von sich selbst wissen. Unmittelbar bevor das Freisler-Urteil – Tod am Fleischerhaken – exekutiert wurde, schrieb er dem lieben Vater und der lieben Mutter einen Abschiedsbrief: er könne es nur »als ein Zeichen göttlicher Gnade ansehen, die es unmöglich machte, daß der Putsch gelang und damit das Chaos und Ende des deutschen Volkes heraufbeschworen wurde«. Durch diese Gewißheit wolle er auch »ruhig auf mich nehmen, was mich erwartet«. Liebevoll mahnt er die Eltern: »So fragt nicht mehr nach mir, laßt mich ausgelöscht sein.« Da hatte sich der Nazipapa in seiner Dienstvilla mit seiner Dienst¬pistole schon drei Tage zuvor den Tod gegeben. Josef Pfitzner, zweiter Bürgermeister von Prag und selbst SA-Standartenführer, war so verwirrt über solch unnütze Verschwendung wertvollen deutschen Blutes, daß er sich in seinem Tagebuch fragte: »War es richtig von der SA gehandelt, den Vater in den Tod zu treiben? Hätte es nicht eine bessere Sühne dargestellt, wenn der Vater den Tod auf dem Schlachtfeld gesucht hätte, wenn er noch eine Anzahl Feinde mit ins Jenseits genommen hätte?« Ja, alles ist verbesserungsfähig auf dieser Welt, und das meint auch dieses anderere Buch, in dem von der »Dienstvilla« des SA-Professors die Rede ist. Es ist ein kompliziertes moralphilosophisches Werk, heißt »Verräter, Zufallshelden oder Gewissen der Nation? Facetten des Widerstandes in Deutschland« und behandelt ausführlich das tragische Geschehen im »Haus Klausing«, wie es die Villa an der Bubentscher Straße 55 auch benennt. Aber irgendwann, nach vielen Seiten, als unser SA-Professor längst verblutet ist, zitiert das Buch doch noch – wir vergessen ihn nicht – einen Gewährsmann namens Friedrich Kuhn-Weiss, welche Bewandnis es mit dieser »Dienstvilla« hatte: Unter Eichmann-Verwaltung »Es standen viele Villen frei in Bubentsch, bedingt durch die Verhältnisse, daß die Besitzer nicht mehr da waren, die Vorbesitzer. Das wurde zugeteilt. Man hatte eine Miete gezahlt an eine Institution, die das alles verwaltet hat. Es war keine teure Sache, so eine Villa zu haben. Es war normal.« Die Institution, die das alles verwaltete, hieß übrigens »Auswanderungsfonds für Böhmen und Mähren« und unterstand dem Auswanderungsfachmann Adolf Eichmann. Es war normal. Der Verfasser des Widerstandsfacetten-Buches, der dieses Zitat wiedergibt, fragt: »Wie ›normal‹ war das für die Nachmieter der aus ihren Häusern vertriebenen Juden? Was haben sie gedacht und empfunden, wenn sie in diese Häuser einzogen? Waren die Zimmer noch möbliert? Konnte ein Professor des Zivilrechts, Rektor der Universität in Prag, solche Fragen übersehen haben? Sollte es ›normal‹ gewesen sein, daß zahlreiche Villen in einem vornehmen Viertel Prags plötzlich zu einem Spottpreis zu mieten waren, ohne daß die Nachmieter über den Grund des Auszuges und das Schicksal der Vorbesitzer nachdachten. Was wußten die neuen Mieter über ihre Vorbesitzer? Wohin waren diese verbracht worden?« So fragt der Autor dieses Buches über die Widerstandsfacetten. Und unerbittlich fragt er weiter: »Wollten sie es nicht wissen oder wußten sie es zu genau? (...) Wie gut schläft man in einem solchen Haus?« Nach der seitenlangen Erörterung des Falles Klausing und seines Schlafs in einem geraubten Judenhaus, gibt es eine kleine unauffällige Fußnote, die knapp vermerkt, daß nach Klausings Tod »in dem Haus die Familie von Dr. Hanns Martin Schleyer« wohnte, der »damals im ›Zentralverband der Industrie für Böhmen und Mähren‹ für die Organisation der Rüstungsproduktion tätig« war. Er hat mit Sicherheit gut geschlafen in der Villa Waigner, die er sich – doppelt Unrecht hält besser – sofort nach Klausings schnellem Selbstmord besorgte; die Restfamilie Klausing wurde in ein schlechteres Judenhaus verfrachtet. Ja, Schleyer ist nur eine einzige versteckte Fußnote im Buch über das mutmaßliche »Gewissen der Nation«. Aber auch das ist nicht unverwegen, denn der Autor des Buches ist der Moralphilosoph und auch Zivilrechtler Bernd Rüthers. Er ist Träger des Hanns-Martin-Schleyer-Preises 1997, und er hat sein Buch, mit den vielen Fragen, was damals in Prag normal war, einem Schicksalsgenossen als Träger des Hanns-Martin-Schleyer-Preises 1990 Reiner Kunze gewidmet. Damals in Prag mußte sich Dr. Hanns Martin Schleyer nicht in einer Fußnote verstecken. Seine neue Wohnstatt lag günstig – das Prager Hauptquartier des Sicherheitsdienstes (SD) der SS war nicht weit entfernt. Und mit dem SD war Schleyer seit seinen Studentenjahren vertraut. 1931, zwei Jahre, bevor Hitler die Macht übergeben wurde, war er als 16jähriger Schüler in Rastatt der Hitler-Jugend beigetreten. Als er die Universität Heidelberg bezog, trug er bereits die schwarze Uniform der SS (Mitgliedsnummer 221714) mit dem goldenen Ehrenzeichen und bald darauf auch das bunte Kostüm des blutigen Corps Suevia im Kösener SC, wo man ihm das Gesicht zerhackte. Er stieg auf in der Heidelberger Studentenführung, übernahm das Wirtschafts- und Sozialamt, vor allem aber das Amt für Politische Erziehung. »Auslese bedingt immer zugleich Ausmerze«, schrieb er 1937 im Hochschulführer der Universität Heidelberg und macht sich ans Werk. Er wurde Beauftragter des SD für den Universitätsbereich und denunzierte den Rektor der Nachbaruniversität Freiburg, Friedrich Metz, weil der seinen Freund, den Reichsstudentenführer Gustav Adolf Scheel, mißachtet habe. Nach Schleyers Ermordung durch die RAF erklärte der Vorort-Verein im Kösener SC-Verband: »Alle Kösener Corpsstudenten in Deutschland und Österreich trauern um Hanns Martin Schleyer. (...) Hanns Martin Schleyers Verdienste um sein Corps Suevia in Heidelberg sind Verdienste um das Corpsstudententum in schwieriger Zeit gewesen! Wo er seine Spuren hinterlassen hat, werden sie unauslöschlich bleiben.« Richtig. »Corps ohne Maske. Ein Nationalsozialist zieht die Konsequenzen« – so überschrieb Der Heidelberger Student im Sommersemester 1935 einen offenen Brief von Schleyer an den Verbandsvorsitzenden des Kösener SC, Dr. Max Blunck. Dort rühmte sich Schleyer, daß er sich schon als Schüler nationalsozialistisch betätigt habe: »Ich muß es allerdings ablehnen, daß man den Begriff der Treue, der uns Deutschen heilig ist, in irgendeiner Weise mit Juden in Verbindung bringt, und ich werde es nie verstehen können, daß ein Corps aus der Auflage, zwei Juden aus der Gemeinschaft zu entfernen, eine Existenzfrage macht.« Blut und Reue Nach dem Krieg war das vergessen. Das gemeinsam vergossene Blut überwand vorübergehende Zwistigkeiten von gestern. Schleyer hatte schließlich seine akademische Sozialisation durch Fritz Ries erfahren, den später so erfolgreichen Arisierer (»Miguin – Jetzt arisch!« warb er für seine Kondom-Produktion) und Nachkriegsgründer der Pegulan-Werke. Ries war der politische Ziehvater von Helmut Kohl. »Wenn ich nachts um zwei anrufe, muß er springen«, sagte Ries, als der spätere Kanzler 1969 Ministerpräsident in Mainz wurde. Und Ries war der Fuchsmajor von Hanns Martin Schleyer. Auf besonderen Wunsch seines Freundes, des Reichsstudentenführers Scheel, übernahm er gleich nach dem Anschluß Österreichs das Studentenwerk in Innsbruck und heiratete die – wir kennen sie schon – Tochter Waltrude des Alten Kämpfers und SA-Gruppenführers Dr. Emil Ketterer (»Blutorden« für Teilnahme am Hitler-Putsch 1923), der als Arzt entschieden – Ausmerze! – für das Euthanasieprogramm eintrat. Der passionierte Antisemit räumte bei Heinrich Himmler die Schwierigkeiten beiseite, die SS-Mann Schleyer mit der Heiratserlaubnis hatte wegen einer ungewissen Herkunft eines unehelich geborenen Großvaters. 1940 wurde Schleyer zu den Gebirgsjägern eingezogen, wo er bei den Vorbereitungen der »Aktion Seelöwe« zu einer baldigen Eroberung Englands vom Felsen fiel und dabei eine Schulterverletzung gewann, die ihm Dienstuntauglichkeit bescherte. So fand er sich 1941 in Prag wieder als Leiter des Studentenwerkes, einer Riesenbehörde mit 160 Beschäftigen und einem Zehn-Millionen-Etat, die mit studentischem Elan die Germanisierung des Protektorats Böhmen und Mähren betrieb. Tschechen hatten an der Universität nichts mehr zu suchen. Und die Juden wurden zur Vernichtung abtransportiert. Emil Waigner und seine Frau Marie, deren Villa die Familie Schleyer erbeutete, wurden zunächst in einer kleinen Wohnung an einem Bahnhof eingewiesen, von der aus sie die ersten Transporte beobachten konnten. Dann waren sie selbst an der Reihe. Emil Waigner wird am 20. Februar 1941 nach Mauthausen deportiert. Mit 53 Jahren ist er tot. Angebliche Ursache: Bluthochdruck und Gehirnblutung. Juden überlebten in Mauthausen selten einige Wochen. Sie mußten schwere Steine tragen, im Gegensatz zu anderen Häftlingen ohne Hilfsmittel. Marie Waignerová wird am 24. Februar 1942 ins Frauenkonzentra¬tionslager Ravensbrück transportiert, dann weiter nach Auschwitz in die Gaskammer. Das Anrecht auf die Villa Waigner erwirbt Schleyer in einer noch wichtigeren Funktion als der Leitung des Studentenwerkes, des größten immerhin im ganzen Reich. Er lernt den Präsidenten des Zentralverbandes der Industrie für Böhmen und Mähren (ZVI) kennen, dessen wichtigste Aufgabe die »Entjudung« der tschechischen Wirtschaft ist. Dieser Bernhard Adolf muß gerade seinen wichtigsten Mitarbeiter und Vertreter Friedrich Kuhn-Weiss abgeben zur direkten Arbeit am Untermenschen: an ein SD-Sonderkommando zur Judenvernichtung unter dem Chef der SS-Bandenbekämpfungsverbände, dem SS-Obergruppenführer Erich von dem Bach-Zelewski. Kuhn-Weiss wird dort für seine »außerordentlich aktive Tätigkeit« beim Unternehmen »Draufgänger II« (680 Ermordete) vom Kommandeur des 2. SS-Polizeiregiments ausgezeichnet (das berichtete Schleyer-Biograph Lutz Hachmeister, der allerdings Kuhn-Weiss als maßgeblichen Entlastungszeugen für Schleyer benutzt). Kleines Angebinde Schleyer wird der neue Vertreter seines Chefs Bernhard Adolf. Und da der etwas bequem ist, hat er schnell den ZVI in seiner Hand. Autor Erich Später: »Was er dort eigentlich tut, bleibt weitestgehend unbekannt. Sein Beruf ist die Exekution der deutschen Terror- und Ausbeutungspolitik gegenüber der Bevölkerung des Protektorats. Gleichzeitig ist er weiter für den Sicherheitsdienst der SS tätig, für den er bereits in Innsbruck aktiv war.« Was er für den Sicherheitsdienst, den SD in Prag getan hatte, hat, laut Später, »keine Spuren hinterlassen«. Zumindest wurde bis heute in den Archiven nichts über diese Tätigkeit gefunden, allerdings war es in Prag – bevor die Rote Armee die Stadt befreite – möglich, sehr viele Aktenbestände und Unterlagen zu vernichten. Schleyer kehrte, als er sich Ende April 1945 bereits in Bayern aufhielt, noch einmal nach Prag zurück, auf das die Rote Armee vorrückte. Einige, gewiß nicht alle persönliche Akten sind übrig geblieben. Karl-Heinz Dellwo, ehemaliges RAF-Mitglied, heute Doku-Filmer, hat in den Prager Archiven gerade erst einen eindrucksvollen Briefwechsel gefunden. Am 22. Dezember 1944 schrieb Schleyer seinem nominellen Chef, dem lieben Herrn Doktor Adolf: »Sie haben uns allen durch die wunderbaren Weihnachtspakete so viel Freude gemacht, daß Sie uns nicht verübeln dürfen, wenn wir auch Sie und ihre verehrte Frau Gemahlin mit einem kleinen Angebinde erfreuen wollen. Ihre engeren Mitarbeiter haben mich beauftragt, Ihnen unter Wahrung der Anonymität einige Kristallrahmen zu überreichen, die Ihnen besonders gut gefallen haben und die wir zu diesem Zweck aus der Gesamtaktion herausgenommen haben.« »Gesamtaktion« das war die »Treuhand«, die das geraubte jüdische Vermögen, auch die gestohlenen Möbel und Kunstgegenstände verwaltete, auf das die Deutschen so scharf waren, daß der Prager Oberlandrat Watter über ihre Beutegier klagte: »Über das jüdische Mobiliar spricht man mehr als über die Heldentaten unserer Soldaten im Osten«. Schleyer hatte mit seinen Hintermännern den Zugriff. Der Schleyer-Brief endete: »Ich darf Ihnen, sehr verehrter Herr Doktor, und ihrer Frau Gemahlin ein recht frohes Weihnachtsfest wünschen und grüße Sie mit Heil Hitler! als Ihr sehr ergebener HM Schleyer.« Der liebe Doktor Adolf antwortete seinem lieben Dr. Schleyer : »Ihnen und Ihren anonymen Hintermännern möchte ich nochmals meinen besten Dank entgegenbringen für die Ueberraschung, die Ihnen in vollem Ausmaß nicht nur meiner Frau gegenüber, sondern mir gegenüber bestens gelungen ist. Ich danke Ihnen und den ›Unbekannten‹ bestens für diesen Beweis Ihrer aufrichtigen Verbundenheit und hoffe, daß uns das Neue Jahr bei bester Gesundheit in Erfüllung unserer Aufgaben am Leben läßt.« Dies tat das Neue Jahr 1945 und die dreißig folgenden taten es auch. Das fröhliche Trio Der 6. Mai 1975 – zweieinhalb Jahre vor seinem Tod – war ein großer Tag im Leben des Hanns Martin Schleyer. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände richtete ihm zu seinem 60. Geburtstag einen Empfang im Kölner Inter-Continental aus. Und da wuchs zusammen, was ja auch zusammengehört: der alte Hitlerstaat und die Demokratie, so wie wir sie damals in der Bundesrepublik hatten. Zwei Fotos von dem Fest auf den Seiten 313 und 314 in Hachmeisters Schleyer-Buch demonstrieren diese Verbundenheit, die der Biograph hier nicht analysiert – er mokiert sich lieber über Schleyers bescheidene Geburtstagswünsche. Das erste Foto zeigt Schleyer vergnügt lachend mit zwei alten Freunden, die Komplizen aus dem Protektorat: sein von ihm beherrschter Exchef Bernhard Adolf, der für die totale Arisierung der tschechischen Industrie zuständig war. Und sein Vorgänger im ZVI-Amt Friedrich Kuhn-Weiss vom SD-Sonderkommando zur »Bandenbekämpfung«, der Judenvernichtung, an der der Freund so »außerordentlich aktiv« beteteiligt war. Das Trio plaudert angeregt – von alten Zeiten? Das zweite Foto zeigt nur das Blatt mit der Tischordnung. Da sitzen an einer langen Tafel zusammen mit Schleyer der Exkanzler Kurt Kiesinger (¬NSDAP/CDU und im Auswärtigen Amt Kontaktmann zu Goebbels), der spätere Bundespräsident Karl Carstens (NSDAP/CDU), der spätere Sachsenkönig Kurt Biedenkopf und natürlich der spätere Bundeskanzler Helmut Kohl, beide CDU, zu jung für die NSDAP, aber beide aus dem mächtigen Freundeskreis des großen Ariseurs Kurt Ries, Schleyers Fuchsmajor. Zweieinhalb Jahre später wurde Schleyer von der RAF ermordet. Vergangenen Mai nun hat auch Helmut Kohl, der als Kanzler das neue große Deutschland geschaffen hat, den Hanns-Martin-Schleyer-Preis erhalten (wie 1992 auch Birgit Breuel, die Treuhandpräsidentin). Kohl, gesundheitlich angeschlagen, kann nur eine kurze Dankesrede halten. »Ich habe einen Freund verloren«, sagt er immer wieder und meint den Namensgeber seines Preises. Freundschaft, sagt Kohl, könne nur gelingen, »wenn sie bis ins Innerste unserer Seelen und Herzen funktioniert«. Es ist, so das Urteil von Beobachtern, das Motiv seiner Rede. Und, so sagt Kohl, »die Jahre des Terrors« seien furchtbare Jahre gewesen. Sagt er und meint damit nicht die Regierungszeit Adolf Hitlers, sondern die seines Vorgängers Helmut Schmidt, die Zeit der RAF. Daß sie Schleyer ermordete, war trotz allem ein Verbrechen. Aber es war auch eine furchtbare Dummheit. Stefan Wisniewski, Exmitglied der RAF und Sohn eines polnischen Zwangsarbeiters, erklärte, warum. Wenn die Industrie damals bereit war, »jede Summe« für den 62jährigen entführten Schleyer zu zahlen, hätte die RAF Entschädigung für Hunderttausende tschechische Zwangsarbeiter verlangen sollen – und ihn dann laufen lassen. Zu spät bedauert er: »Solche historische, gesellschaftliche und menschliche Sensibilität hatten wir damals leider nicht.« Neue Literatur Erich Später: Villa Waigner – Hanns Martin Schleyer und die deutsche Vernichtungselite in Prag 1939–1945, konkret-texte 50, Hamburg 2009, 100 Seiten, 12 Euro Bernd Rüthers: Verräter, Zufallshelden oder Gewissen der Nation? - Facetten des Widerstandes in Deutschland, Mohr Siebeck, Tübingen 2008, 19 Euro




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